Nieder mit dem Gruppenpuzzle!

Jan-Martin Klinge hat in seinem Halbtagsblog ein schönes Diagramm zur relativen Häufigkeit von didaktischen Methoden im Unterricht gepostet:

Die Stoßrichtung ist klar: Zu wenig methodische Vielfalt zugunsten des Lehrervortrags, der nun mal am wenigsten Vorbereitung erfordert und mit dem man „den Stoff“ am effizientesten „durchbekommt“.

Mich als Baden-Württembergischen Mathelehrer hat dazu die NIMBUS-Studie von 2008 sehr interessiert. Hauptgegenstand der Untersuchung waren die Noten im Mathematikabitur und der Vergleich des Grundkurs-/Leistungskurs-Systems (bis 2003) mit der NGO (seither).

Daneben enthält der Abschlussbericht auch einen Abschnitt über eingesetzte Methoden (S. 68 ff.). Der tatsächlichen Einsatzhäufigkeit wird die durch den Lehrer eingeschätzte Ergiebigkeit gegenübergestellt. Wesentliche Ergebnisse:

  • Der fragend-entwickelnde Unterricht und der Lehrervortrag werden sehr häufig bzw. häufig eingesetzt und auch als sehr ergiebig bzw. ergiebig eingeschätzt.
  • Schüleraktivierende Methoden wie Gruppen*- oder Planarbeit werden als ergiebig eingeschätzt, aber tatsächlich weniger oft eingesetzt. Die Autoren sprechen von einem Umsetzungsproblem, das auf den Mehraufwand (z. B. Hemmschwelle durch die Materialerstellung bei der Planarbeit) bzw. auf geringe Kenntnis der Methoden zurückzuführen sein könnte.

* Gruppenarbeit ohne Gruppenpuzzle

Das Gruppenpuzzle hingegen schätzt kaum ein Mathelehrer als ergiebig ein, und knapp die Hälfte setzen es nur „sehr selten“ ein (die Antwortmöglichkeit „nie“ stand nicht zur Auswahl), weitere 29 % setzen die Methode „selten“ ein; nur 4 % „häufig“ und niemand setzt es „sehr häufig“ ein.

Hat das jemanden überrascht? Ich habe die Methode ein einziges Mal eingesetzt, ich hatte Vorurteile, habe darum umso mehr Zeit in die Vorbereitung investiert, und es hat nicht gut funktioniert. Seither spreche ich auch nicht mehr vom Gruppenpuzzle, sondern von Stille Post. (Wikipedia: „sinnbildlich für die Verfälschung von Nachrichten durch die mehrfache informelle Weitergabe“).

Schon die Begriffe sind seltsam gewählt: Man spricht von einer „Expertengruppe“, aber in dieser Gruppe gibt es keinen Experten, sondern nur Laien, die sich zum ersten Mal mit einem Thema auseinandersetzen und gewissermaßen noch jungfräulich sind. Der Experte bin ich, der Lehrer; aber schon aus Zeitgründen könnte ich nicht in jeder „Expertengruppe“ sicherstellen, dass alles ausreichend verstanden wurde, um es später weitergeben zu können. Davon abgesehen soll ich das auch gar nicht, weil die Schüler weitgehend autark arbeiten sollen.

An die Stille Post hat mich ein Kommunikationsmodell erinnert – der Oberbegriff fällt mir gerade nicht ein, und ich finde auch keinen Link -, das ging ungefähr so: „Gemeint ist nicht gesagt, gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden …“. Auf das Gruppenpuzzle bezogen heißt das: Selbst wenn das Material für die „Expertengruppen“ optimal wäre, geht ein kleines bisschen Vollständigkeit und Korrektheit beim Erarbeiten verloren, ein weiteres bisschen beim Aufbereiten, ein weiteres bisschen beim Weitergeben und wahrscheinlich ein ordentlicher Batzen auf seiten des „Empfängers“.

Da fragt man sich doch, warum so ein Modell überlebt, das schon auf dem Papier nicht überzeugen kann. (An der NIMBUS-Studie sieht man indirekt, dass es gerade auch im Mathematikunterricht und in der Oberstufe nach wie vor Gegenstand der Lehrerausbildung ist.) Wer hat sich das eigentlich ausgedacht?

Dazu zitiere ich nochmals Wikipedia:

Die Jigsaw-Methode ist 1971 in Austin (Texas) von Elliot Aronson entwickelt worden, um Probleme zwischen Schülern unterschiedlicher Herkunft (Afroamerikaner, Weiße, Latinos) zu lösen, die nach Aufhebung der Apartheid zum ersten Mal gemeinsam unterrichtet wurden (…).

Erfolge der Jigsaw-Methode sind:

  • Vorurteile werden abgebaut
  • das Selbstbewusstsein wird gestärkt
  • das Schul- und Lernklima wird verbessert
  • das Schulschwänzen wird reduziert
  • Verantwortung wird gelernt usw.; dazu verfolgt sie die Ziele des Kooperativen Lernens.

Vielleicht unterrichte ich zu behütet auf dem Land, aber solche Probleme habe ich in meinen Klassen nicht. Tut mir leid, Deutschland hatte keine Apartheid, und unter meinen Schülern gibt es wenig ethnische Heterogenität, wie auch immer man das definieren soll. Das kann man sicher auf die Mehrgliedrigkeit unseres Schulsystems zurückführen, denn in einigen meiner Klassen gibt es keinen einzigen Schüler, der nach seiner Biographie als Migrant oder „Aussiedler“ (und sei es in soundsovielter Generation) einzustufen wäre, und kein einziger meiner Schüler (zumindest gilt das für das abgelaufene Schuljahr) ist in irgendeiner Form behindert.

Schlussfolgerung: Für die oben angeführten „Erfolge“ (Vorteile?) des Gruppenpuzzles findet man in anderen Methoden des kooperativen Lernens sicher ein besseres Substitut. Für den Mathematikunterricht ist es nicht zu gebrauchen – nieder mit dem Gruppenpuzzle!

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Eine Antwort zu Nieder mit dem Gruppenpuzzle!

  1. Marco Bakera schreibt:

    Vielen Dank für den erhellenden Beitrag. Ich habe auch so meine meine Schwierigkeiten mit der Methode. Die Durchführung ist mir häufig zu wuselig und die Methode steht dann stärker im Vordergrund als der mit ihr vermittelte Inhalt.

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