Filmkritik

Prom Night in Mississippi, Paul Saltzman, Kanada 2009

Dieser Film hat zwar nichts mit Mathematikunterricht zu tun, aber mit Schule und Schülern, also meinem Lebensthema. Außerdem ist der Film nicht ganz neu, aber das Schicksal guter Dokumentarfilme ist leider, dass man von Glück reden kann, wenn sie irgendwann einmal in den frühen Morgenstunden auf 3sat oder arte ausgestrahlt werden. Ansonsten ist man auf Empfehlungen angewiesen, oder man sichtet systematisch die Beiträge einschlägiger Wettbewerbe wie etwa des Sundance Film Festivals.

Der Schauspieler Morgan Freeman lebt in Charleston, Mississippi, einer 2000-Einwohner-Stadt. Für einen Prominenten ist die Wahl vielleicht nicht offensichtlich, doch ist Freeman in Charleston bei seiner Großmutter aufgewachsen und wohnt seit 1991 wieder dort.

Jedenfalls leistet sich die örtliche High School von jeher den eigenartigen Anachronismus, einen nach Rassen getrennten Abschlussball (racially segregated prom) zu veranstalten. Die Schülerschaft, die sich aus etwa 70 % Schwarzen und 30 % Weißen zusammensetzt, besuchen also gemeinsam 12 Jahre lang die Schule, wie es seit 1954 durch eine Entscheidung des Supreme Court vorgeschrieben wird (Brown v. Board of Education), um dann ein white prom und ein black prom abzuhalten.

Freeman hatte der Schule 1997 schon einmal angeboten, die Kosten zu übernehmen, falls die Schule ein integrated prom, also einen gemeinsamen Abschlussball, veranstalten würde. Damals hatte die Schulverwaltung das Angebot abgelehnt. 2008 hat Freeman sein Angebot wiederholt, und diesmal stimmten sowohl das Board of Education also auch die Schülerschaft einstimmig zu. Warum es dann am Ende doch wieder zwei Abschlussbälle gab, davon handelt Paul Saltzmans Dokumentarfilm Prom Night in Mississippi.

Denn obwohl niemand vor der Kamera dazu Stellung nehmen will, sind einige (weiße) Eltern nicht mit einem gemischten Abschlussball einverstanden. Wir sehen Interviews mit vielen Schülern im späten Teenageralter, die genau wissen, dass diese Form von Rassismus und Segregation politisch unkorrekt und wie aus der Zeit gefallen ist; gleichzeitig kennen sie die Einstellung ihrer Eltern und Großeltern, die charakteristisch für den Deep South der USA ist: Ein weißes Mädchen kann doch keinen schwarzen Freund haben, und man weiß ja, dass die Schwarzen kriminell sind und Waffen mit in die Schule bringen.

Der Film zeigt auch immer wieder die Lebenssituation der Weißen (schmucke Einfamilienhäuser an beflaggten Straßen, mit ausladender Auffahrt und Basketballkorb vor dem Haus) und der Schwarzen (aus Containern zusammengesetzte Unterkünfte an unbefestigten Straßen mit Hühnerkäfigen im Vorgarten). Ein Schelm, wer hier den Korrelationskoeffizienten zwischen Hautfarbe und Lebensstandard ausrechnet.

Nichtsdestotrotz überwiegt die Aussicht auf einen gesellschaftlichen Wandel: Der gemeinsame Abschlussball findet statt, und Morgen Freeman hat recht, von einem historischen Ereignis zu sprechen. Er hat schon bei der Unterbreitung seines Angebots zur Kostenübernahme gegenüber der Schulverwaltung klargemacht, dass eine solche gemeinsame Veranstaltung als Präzedenzfall dienen und es keinen Rückfall mehr in die Zeit der segregated proms geben würde. Darüber hinaus sehen wir aber auch einen Jungen, der der einzige Weiße in seiner Basketballmannschaft ist; ein junges, schwarz-weißes Liebespaar in Heiratsabsicht; und ganz viele junge Menschen, bei denen es nicht aufgesetzt wirkt, wenn sie beteuern, dass ihnen die Hautfarbe ihrer Freunde egal ist.

Fazit: Prom Night in Mississippi ist ein Film, den man sich am besten gleich nach Mississippi Burning ansieht. Der alltägliche und allgegenwärtige Rassismus wird sehr geschickt mit der Aufbruchstimmung und der Erneuerungsperspektive der jungen Generation kontrastiert.

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