Taschenrechnerverbot

Heute ein Nachtrag zu einem Experiment aus dem Frühjahr.

Irgendwann im April hatte ich genug davon:

  • Nicht nur Brüche wie 15/2 werden mit dem Taschenrechner in Dezimaldarstellung gebracht, es werden sogar Zahlen wie 4/2 mit dem Taschenrechner gekürzt.
  • Kaum jemand ist in der Lage, eine darstellungsgemischte Menge von betragsähnlichen Zahlen der Größe nach zu ordnen.
  • Ergebnisse mit nichtabbrechender Dezimaldarstellung werden mit der höchsten Genauigkeit angegeben, die der Taschenrechner hergibt. Brüche sind verhasst, aber der hässliche Periodenstrich scheint bei den Schülern beliebt zu sein.
  • Niemand schert sich darum, seine Ergebnisse durch Überschlagsrechnung zu überprüfen. Dann kosten 750 Gramm Röstkaffee eben 12.731,43 Euro, wird wohl so sein.

Nach Absprache mit den Chemie und Physik unterrichtenden Kollegen habe ich in meiner zehnten alle Taschenrechner eingesammelt und für vier Wochen sicher verwahrt.

Plötzlich war also angesagt,

  • vor der Rechnung zu überlegen, ob man π wirklich auf 8 Dezimalstellen genau in die Rechnung eingehen lassen will, oder ob es vielleicht auch mit 3,14 oder gar 3,1 getan ist und wie die Genauigkeit des Ergebnisses dadurch beeinflusst wird;
  • das große Einmaleins und die Quadratzahlen bis 400 mit den jeweiligen Radikanden im Kopf zu haben;
  • babylonisches Wurzelziehen anwenden zu können;
  • sich einzugestehen, dass man vergessen hat, wie man schriftlich dividiert (was war das doch schön in Klasse 4);
  • sich aller in früheren Klassenstufen gelernten Tricks zum „vorteilhaften“ Rechnen zu erinnern, insbesondere bei Klammersetzung und Bruchrechnung.

Zugegeben, das waren alles Beispiele, die die Arithmetik betrafen. Rechtzeitig zum Beginn der Einheit „graphisches Differenzieren“, Ableitung von sin/cos, habe ich die Geräte wieder zurückgegeben.

Was hat das ganze gebracht?

Sowohl die Schüler als auch ich sind uns der Abhängigkeit vom TR bewusst geworden. Mir war auch deren Tragweite nicht vollständig klar, denn ich bin einfach nicht alt genug, um Mathematikunterricht ohne TR erteilt oder als Schüler erlebt zu haben (zu meiner Schulzeit wurde der TR in der Quarta eingeführt).

Im nächsten Schuljahr werde ich die Klasse nicht mehr unterrichten (Kursstufe etc.), hätte doch zu gerne eine Langzeitbeobachtung durchgeführt. Die Erfahrungen waren aber durchaus positiv, und ich spiele mit dem Gedanken, in der nächsten Obertertia zweigeteilte Klassenarbeiten einzuführen: Grundlagenteil ohne TR und dafür mit Kopfrechnen; anwendungsorientierter Teil mit den Hilfsmitteln TR und Formelsammlung. Dazu müsste ich aber die Bearbeitungszeit auf mindestens 65 Minuten anheben – mal schauen, was die G8-Eltern davon halten. Die haben ja in den 80ern auch schon mit dem TR gelernt.

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