Die gedanklichen Fehler der Lebenswirklichkeits-Didaktiker

Vor ein paar Jahren hörte man erstmals verbreitet die Sprechweise, man müsste „die Schüler dort abholen, wo sie stehen“.

Ich will hier nicht darüber spekulieren, welche psychische Beeinträchtigung jemand hat, der versucht, Menschen dort abzuholen, wo sie nicht stehen.

Gemeint ist natürlich etwas anderes: Man soll an den Lernstand anknüpfen (das ist eine triviale Forderung) und Verbindungen zur Lebenswirklichkeit der Schüler schaffen, um den Stoff attraktiver erscheinen zu lassen.

In dieses Horn stößt zum Beispiel H. Wells Wulsin in seinem Artikel Mathematics vs. MTV: How to Win the Eyeball War (Mathematics Teacher Vol. (8) 104, April 2011). Dazu schlägt er vor, Lehrvideos einzusetzen („Presenting Examples in High-Resolution Video“) und Jugendliche bzw. Prominente als Protagonisten auftreten zu lassen. Ich glaube nicht, dass dieser Ansatz funktioniert.

Wulsin schreibt beispielsweise:

Teenagers pay attention to people they find appealing. In educational videos, adolescents representing diverse ethnicities, personalities, and cultures — rather than frumpy adults — should do the teaching. Other young people should play the role of learners, making occasional mistakes, just as real students do.

(Streichen wir für die Übertragung auf deutsche Verhältnisse mal „diverse ethnicities“.)

Zuerst muss man festhalten, dass diese Filme in kurzen Abständen neu produziert werden müssten. In meiner eigenen Schulzeit haben wir manchmal Lehrfilme aus den 70ern und 80ern zu sehen bekommen, moderiert von Gestalten im Telekolleg-Stil: Männer zwischen 50 und 60 mit Vollbärten und Hornbrillen, die in einem grau-blauen Studio monoton vor sich hin faselten. Wenn mal Jugendliche in Einspielern auftraten, dann mit komischen Frisuren, ähnlich unmodischen Brillen, zu engen Hosen und seltsamen Ausdrucksweisen („dufte“, „Polente“, „oberaffengeil“).

Heutzutage würde man die Aktualität auch an Frisuren und Mode festmachen, aber vor allem an der technischen Ausstattung. Der heutigen Schülergeneration kommen Röhrenmonitore bereits vor wie etwas aus dem Technikmuseum, und Klapphandys aus dem Jahr 2008 „gehen ja mal gar nicht“.

Aber das eigentliche Problem ist ein anderes. Dem Schüler wird klar sein, dass die Situation – Jugendliche beschäftigen sich freiwillig und freudig mit dem Lernstoff – gestellt ist, denn sie ist so weit abseits der Lebenswirklichkeit. Meine Schüler jedenfalls dürfte ich nicht vor die Wahl stellen, ob sie lieber den Unterricht (in jedweder Sozialform, mit jedem Gegenstand des Lehrplans, einschließlich Projektarbeit etc.) besuchen oder lieber Fußballspielen bzw. Shoppen gegen wollen. Der Unterricht wird immer den kürzeren ziehen (und ich selbst hätte als Schüler auch nicht anders entschieden). Ich würde ja meistens selbst lieber andere Dinge tun als Klassenarbeiten zu korrigieren!

In addition to young teachers and learners, these videos could occasionally feature famous sports or entertainment figures. What if Michael Phelps calculated the volume of an Olympic swimming pool or Beyoncé computed the time delay needed for speakers at an outdoor concert?

Wie bei den Textaufgaben mit fiktivem Realitätsbezug liegt das Problem auch hier an der Konstruktion. Auf den ersten Blick ist die Relation (Anwendung eines mathematischen Verfahrens – Wirklichkeit) offensichtlich: Michael Phelps schwimmt in einem Becken, das Becken hat ein bestimmtes Volumen, wie groß ist nun dieses Volumen; oder: die Musikerin Beyoncé singt bei einem Konzert, ihre Stimme wird per Lautsprecher übertragen, wie groß muss die eingestellte Verzögerung bei der Übertragung sein.

Auf den zweiten Blick erkennt der Schüler jedoch, dass sich Michael Phelps sicher nicht für das Volumen des Beckens interessiert (dass seine Abmessungen dem Reglement entsprechen, ist Sache des Veranstalters), geschweige dass er es selbst ausrechnen würde. Ebenso kann man sich schwerlich vorstellen, dass Beyoncé den Sachverstand oder die Bereitschaft dazu hat, Aufgaben des Tonmeisters zu übernehmen. Und selbst der Tonmeister benutzt vermutlich ein Computerprogramm für seine Berechnungen.

Wollte man glaubhafte Beispiele finden, darf man sicherlich nicht bei Prominenten suchen. Der Grund für ihre Prominenz ist meistens, dass sie etwas besonders gut beherrschen und diese Sache zu einem hohen Grad professionalisiert haben – was in der Regel eine unüberbrückbare Distanz zur Lebenswirklichkeit der Schüler mit sich bringt.

Man kann diesen Befund auf folgende Formel bringen:

Die Wirklichkeit ist interessant, aber zu komplex, um instruktiv zu sein; die didaktische Reduktion der Komplexität führt zwangsläufig zur Abstraktion und zum Verlust des Reizes des „Echten“.

Daran scheitern letztlich viele gut gemeinte Ansätze.

Ein Beispiel aus meinem eigenen Unterricht, Thema: „exponentielles Wachstum“ (Klasse 10). Änderung pro Zeitschritt ist proportional zum Bestand.

  1. Das klassische Beispiel von Fibonacci (Kaninchenvermehrung) hätte ich gerne am lebenden Objekt vorgeführt, aber der Fortpflanzungszyklus ist natürlich zu lang.
  2. Bakterien vermehren sich viel schneller, sind aber nicht ohne technische Hilfsmittel beobachtbar, und selbst dann käme man nicht ohne Zeitraffer aus.
  3. Bleibt noch das Modell mit den M&Ms: eine große Zahl (z. B. 100) M&Ms werden ausgeschüttet und „zeigen“ zufällig „m“ oder „kein m“. Diejenigen, bei denen „m“ oben liegt, werden gezählt, entfernt (gegessen) und der Rest wird eingesammelt, wieder ausgeschüttet etc., wobei sich also die Anzahl bei jedem Schritt in etwa halbiert, die absolute Zahl der pro Schritt entfernten M&Ms ebenfalls.

Die Schüler begeistern sich zuverlässig für diesen Versuch, weil es doch immer reizvoll ist, mit Lebensmitteln zu spielen, die sonst im Matheunterricht selten vorkommen.

Was ist also der Haken?

Durch die notwendige Abstraktion von der Fortpflanzung zum Süßigkeitenmodell ist das „Lebendige“ und die Verbindung zur Lebenswirklichkeit verloren gegangen. Die Vermehrung von Kaninchen oder Bakterien ist ein natürlicher Vorgang, der ohne künstlichen (menschlichen) Eingriff von außen abläuft. Insbesondere liegt ihm keine willkürliche Vorschrift zugrunde, die sich ein Mathelehrer ausgedacht hat, wie bei den M&Ms. Was bei den Kaninchen klar ist – die Anzahl der Nachkommen ist proportional zur Zahl der erwachsenen Tiere -, wird beim Süßigkeitenmodell verschleiert durch die implizite Annahme über die gleichbleibende Wahrscheinlichkeit für „m“ oder „kein m“ beim Ausschütten. (Diesen letzten Punkt kann man didaktisch verbessern, indem man in einem zweiten Durchgang Smarties ausgibt, die sind nämlich nicht markiert.)

Einen Ausweg aus diesem Lebenswirklichkeits-Dilemma kenne ich leider auch nicht. Vorerst bin ich über folgenden Umstand froh: Diese technisch orientierten didaktischen Neuerungen, wie sie derzeit in den USA diskutiert werden, kommen erfahrungsgemäß erst ein paar Jahre später nach Europa. Mit den bis dahin in den USA gesammelten Erfahrungen können wir hoffentlich die schlimmsten Fehler vermeiden.

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